Ist das Ego ein Feind?
.....𝒐𝒅𝒆𝒓 𝒅𝒂𝒓𝒇 𝒆𝒔 𝒂𝒖𝒄𝒉 𝒆𝒊𝒏𝒇𝒂𝒄𝒉 𝒅𝒂 𝒔𝒆𝒊𝒏?
In vielen spirituellen Traditionen gilt das Ego als das größte Hindernis auf dem Weg zur inneren Freiheit. Es wird oft als ein Konstrukt beschrieben, das es zu überwinden, zu transzendieren oder im Zuge eines „Ego-Todes“ sogar aufzulösen oder zu zerstören gilt.
Doch aus neurobiologischer und körperorientierter Sicht greift diese Betrachtung nicht nur zu kurz – sie birgt auch eine tiefgreifende Gefahr für die psychische Unversehrtheit.
Dieses spirituelle Bild des „bösen Egos“ hat längst auch Einzug in unsere westliche Leistungsgesellschaft gehalten, wo es eine verhängnisvolle Symbiose mit unserem Wirtschaftssystem eingeht. In einer Welt, die radikal auf das Funktionieren, das Tun und das Machen ausgerichtet ist und unser Wert und unsere Daseinsberechtigung von Leistung abhängt, bleibt für das bloße Menschsein oft kein Platz mehr. Wir haben verlernt, im Sein zu ruhen, zu spüren und den Körper als Kompass zu nutzen.
Wer das spirituelle Diktat des „Ego-Verzichts“ unhinterfragt übernimmt, nutzt es oft unbewusst nur als Werkzeug, um die eigenen menschlichen Grenzen, Erschöpfungssymptome oder emotionalen Bedürfnisse noch effizienter wegzudrücken, um weiter im System zu funktionieren.
Dabei zeigt sich in meiner täglichen Arbeit mit dem menschlichen Nervensystem und den Spuren, die Traumata im Körper hinterlassen, ein völlig anderes Bild: Das „eine“ Ego gibt es gar nicht. Unsere Identität ist kein einzelner, starrer Block, sondern ein Netzwerk aus verschiedenen, koexistierenden Ebenen und Anteilen.
Nehmen wir das Wort EGO einmal unter die Lupe: Übersetzt man das lateinische Wort Ego, bedeutet es schlicht und ergreifend genau das: „ICH“.
So wirken in uns zum Beispiel ein Körper-Ich, das unsere physischen Grenzen im Raum wahrnimmt, ein Rollen-Ich, mit dem wir im Alltag und Beruf funktionieren, ein beobachtendes Ich, das in der Lage ist, diese Dynamiken wahrzunehmen.
Ein weiteres spirituelles Konzept ist das ICH BIN, von dem eigentlich kaum einer versteht, was damit gemeint ist. Ich auch nicht, bis ich angefangen habe körperorientiert zu arbeiten. Es steht für die grundlegende Tatsache, dass ich hier auf dieser Erde als Mensch existiere, in einem Körper, die Grundlage meiner irdischen Erfahrungen, mit all seiner Komplexität und Ausstattungen.
Das, was in der spirituellen Welt jedoch so oft abwertend und pauschal als „das Ego“ deklariert wird – das Kontrollierende, Ängstliche, Starre oder Misstrauische –, ist in Wahrheit unser versehrter Teil. Es ist die Summe der Schutz- oder auch Überlebensstrategien unseres Nervensystems.
Wenn ein Mensch in seinen frühen Erfahrungen nicht die existenzielle Bestätigung bekommen hat, dass seine bloße Existenz ausreicht, um Zuwendung, Schutz und Sicherheit zu erfahren, speichert der Körper diese Bedrohung ab. Um zu überleben, entwickelt das System Schutzstrategien, die sich im Laufe des Lebens als feste Identifikationen manifestieren – wie die tiefen Überzeugungen und Glaubenssätze, um nur mal zwei zu nennen: „Ich bin nicht genug“ oder „Ich bin falsch“.
Das, was wir als störendes Ego wahrnehmen, ist der somatische Versuch des Körpers, eine fundamentale, frühe Unsicherheit zu kompensieren.
Wenn nun eine spirituelle Haltung oder gesellschaftliche Erwartung fordert, dieses „Ich“ oder „Ego“ wegzumachen oder aufzulösen oder auch den Körper schlecht zu machen, fordert sie in letzter Konsequenz, aufzuhören zu existieren. Die Menschen verlieren ihre Daseinsberechtigung.
Für einen traumatisierten Menschen (und da spreche ich aus persönlicher Erfahrung) kann dieser Anspruch zu einer Retraumatisierung oder zumindest zur Bestätigung der alten, schmerzhaften Glaubenssätze führen.
Statt Zuwendung zu finden, erfährt der Mensch durch den spirituellen Druck eine erneute Zurückweisung: „Sogar mein grundlegendes Ich-Gefühl ist falsch und steht dem Erwachen im Weg.“ Was dann als Erleuchtung oder Transzendenz fehlinterpretiert wird, ist oft eine tiefe, spirituell maskierte Abspaltung. Der Mensch erfährt wieder allein gelassen zu werden.
Der versehrte Teil in uns möchte nicht aufgelöst, sondern in seiner Existenz validiert werden. Er braucht heute die nachgeholte Erfahrung von Sicherheit, die über ein reguliertes Nervensystem und eine liebevolle, spürbare Präsenz im Körper erfahren werden kann – weit weg vom kollektiven Druck des permanenten Tuns. Wenn wir lernen, diesem verletzten Anteil den Raum und die Bestätigung zu geben, die er nie hatte, muss er sich nicht mehr hinter starren Schutzmechanismen verstecken.
Er darf an die Hand genommen werden und als wertvoller Teil unseres Menschseins nach Hause kommen. ♡